Kafka

 

Kafka war groß und hager und scheu.

Ein Blick seiner Augen traf einen nicht. Kafka blickte nach innen. Seitdem er das Licht der Welt hatte erblicken sollen, lehnte er sich auf gegen die Auffassung, ein Mensch müsse seine Welt mit den Augen wahrnehmen. Was war schon das Sehen? Er ignorierte die Unterscheidung von Hell und Dunkel und ebenso ignorierte er die Farben. Kafkas Blick sah Unfarben aus einer Unwelt ohne den Kontrast des Lichtes. Die ihn umgebenden Menschen waren Schemen, Schablonen gleich, denen er tief in die Seele schaute, die er ausgrub, an denen er roch, die er befühlte und betastete mit seinen Gedanken. Fand er Wärme, vielleicht etwas Weiches, dann hielt er es bei sich, hütete es, bis jemand es ihm nahm und in tausend Stücke zerschlug.

Kafka sammelte dann die Scherben der Wärme ein, gab die in ein Gefäß der Erinnerung, nährte sie und verzweifelte daran, wenn die Scherben sich nicht mehr zu etwas Neuem erhoben. Seine schuldhafte Traurigkeit darüber machte ihn sprachlos, nicht aber gedankenlos. Schweigende Worte sagen mehr.

Kafka war Zeit seines Lebens ein Scherbensammler.

Seine Eltern waren schon lange tot. Aufgewachsen war er nach zwölfjähriger elterlicher Obhut als Waise in einem Heim.

Sein Vater starb an einer Praline, die Kafka ihm zu seinem Geburtstag geschenkt hatte. Er hatte sie selbst zubereitet aus viel Kakao, Butter, ein wenig Cognac, zerbröseltem Zweiback, Vanillezucker und Zuckerkandis. Nachdem die Mischung gerollt war zu einer Kugel, wurden die Pralinen nochmals in Kakaopulver gewendet. An diesem Staub oder an Stückchen des Zuckerkandis muss der Vater sich verschluckt haben. Es wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn er bei dem Verzehr der von seinem Sohn ihm zu seinem zweiundvierzigsten Geburtstag geschenkten Praline in einem Sessel gesessen hätte, aber das hatte er nicht, denn Kafka war so aufgeregt, seinem Vater etwas Süßes zu, das dieser so liebte, zubereitet zu haben, dass er ihn schon auf der Treppe empfing und verheißungsvoll eine Praline anbot, ihn bat, sie sofort zu probieren, vorher könne er nicht in die Wohnung kommen, wo er eine ganze Tüte davon auf seinem Geschenktisch finde.

Der Vater tat, was der Sohn ihm gehieß, und biss in die Praline. Hätte man mit einem Teleobjektiv und in Zeitlupe diesen Biss in die Praline filmen können, so wären die beim Zubeißen entstandenen schokoladigen Staubwolken und die zierlich zersprengten Krümel sichtbar geworden, wie sie, bedingt durch den aus den Nasenflügeln des Vaters heraustretenden Atem, aufwirbelten und gleichzeitig mit der Gier nach dem Genuss des Süßen wiederum eingeatmet wurden.

Der Vater verschluckte sich.

Die aufgeregte Mutter eilte hinzu, wollte ihrem Gatten mit leichtem Klopfen auf den Rücken vom Husten, der binnen kürzester Zeit mächtiger als verträglich anschwoll und ihm den Atem nahm, befreien, stolperte jedoch über den Fuß Kafkas, der sich in diesem Moment zur Wohnungstür wandte, um dem Vater ein Glas Wasser zu holen. Das Stolpern der Mutter prallte gegen den eruptiven und nur noch stoßweise hörbaren Hustenanfall des Vaters, der sich krümmte und beugte und bei dem Versuch, nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, eben dieses verlor, und zwar dadurch, dass er mit dem zurückschnellenden Fuß nicht mehr den obersten Treppenansatz vollends traf, sondern über den Rand abknickte und die Treppe abwärts stürzte, die hilflos helfwillige Mutter an seinem Mantel sich klammernd mitreißend, so dass schließlich beide kopfüber den Bereich ihres Wohnungseinganges im oberen Stockwerk verließen und erst auf der Zwischenetage ihre Abwärtsbewegung zum Stillstand gebracht werden konnte.

Kafka stand in spannungsvoller verwringter Haltung in der Tür und verfolgte das Geschehen.

Der Vater hustete ein letztes Mal, seine Augen quollen hervor, das Gesicht quoll hochrot verfärbt auf, der Atemstoß verblieb im Inneren.

Wegen der Praline könnte man von einem süßen Tod sprechen.

Alles geschah so dermaßen schnell, unaufhaltsam und kraftvoll. Neben dem Leben verschluckenden Husten war es das Gewicht zweier Menschen, die nicht sonderlich leicht waren, denn beide aßen Süßes und davon reichlich, das den Sturz und seine endgültige Folge beschleunigte. So führte ein Genickbruch der Mutter den unmittelbar eintretenden Tod herbei. Für den Vater war es eine überflüssige Unfallfolge gewesen, von der er nichts mehr erfahren musste.

Kafka stand nun auf dem obersten Treppenabsatz und sah auf seine Eltern. Es war das erste Mal, dass er die beiden so innig beieinander sah. Die Mutter lag unter dem Vater, ihr Rock hatte sich bis zu den Hüften hochgeschoben und entblößte die weißen und walligen Schenkel, zwischen denen der Vater mit seinem Körper gelandet war. Beide hielten einander in den Armen. Dem Vater floss etwas Bräunliches aus dem Mundwinkel und tropfte der Mutter auf die Wange.

Kafka schaute auf das Paar. Er sah keinen Scherbenhaufen, nur ein kleiner Mistkäfer kroch unter dem Vater hervor und krabbelte zu dessen Augenbällen, in denen er sich spiegelte. Er schien seine behaarten Beine zu kämmen.

Kafka senkte den Kopf, ein leichtes und fernes Schmunzeln huschte über sein Gesicht. Und so ging er in die Wohnung, stellte sich ans Fenster und sah hinaus auf die Straße. Die Bäume blühten bereits. Unten von der Straße winkte seine Schwester hinauf, die gerade nach Hause kam. Kafka hob seinen Arm und winkte ebenso. Sie könnten die Pralinen essen, die der Vater zurückgelassen hatte.

(Januar 2003, überarbeitet April 2007)

 

 

Aus dem Tal der Harmlosen nach dem Lesen von „Alte Fotos“von Julia Engelmann

(Norbert Döding)

Bad Pyrmont ist wie ein altes Foto.

Es ist vergilbt und abgegriffen. Weil es kein anderes gibt, schaut man es sich immer wieder an und ist jedes Mal wieder erstaunt, dass das Früher noch das Heute ist. Wozu also noch auf ein Heute schauen, wenn es doch sowieso wie das Früher ist. Dabei sieht jeder das Heute, schaut aber nicht richtig hin. Und wer dermaßen durchschaut ist, der sieht dann so aus, wie ein Pyrmonter eben aussieht: Tortengräbergesicht, Heilwasserhaut, Dunsthöhlenaugen, Moorpackungs- lächeln, Laufstegwanderstiefel, Donnerkostüm mit Geldtaschenbeule, Kleinstadtplappermaul mit Kultur- dauerkarte.

Und sich selbst ein Klotz am Bein. Schade drum.

Das Foto. Selbstbildnis oder Reliquie? Einlullung oder Abschreckung?

Es ist wie immer, hinterher will´s keiner gewesen sein mit dem Foto und auf dem Foto. Ich doch nicht!

Aber das Foto ist abgespeichert und vervielfältigt. Überall erscheint es, es plakatiert die Stadt. Das hält zusammen. Da wächst zusammen, was zusammen gehört.

Das zum Wachstumsproblem.

Ist das ein Problem der Heranwachsenden, die ja schließlich noch das Wachstum besitzen, geradezu in sich haben.

An was sollen sie wachsen? Und dann auch noch nachhaltig!

Die Kinder werden in die weite Welt geflüchtet, aus ihnen soll etwas werden, die Wiege wird hinausgeschoben, sie werden vorbereitet und ausgebildet und gut versorgt für die Aufgaben da draußen, da wo die Welt noch Welt ist und nicht Provinz. Es wird schon geworden.

Es lebe das Passiv.

Es lebe die Transparenz.

Eines Tages kehren die Kinder als Menschen zurück in die Ruhe ihrer Wiege. Geistige Androiden des großen Umfänglichen und Allbestimmenden. Fremdbestimmte Banknotenknechte mit weißen Zahnspangengebissen, standardisierter Denkerstirn, gewinnoptimiertem Sprachduktus, digitaler Lebenssteuerung und kalorienkontrollierten Astralkörpern mit stichhaltigen Tattoos. Einkehr mit Einsicht: Schlimmer ist es hier auch nicht, da weiß man, was man hat, ist nicht so schlimm, macht doch jeder schon seit immer und ewig.

Und du willst anders sein? Willst die Welt umgraben, das Leben spüren und selbst bestimmen, wo der Weg lang geht? Wind und Kälte machen dir also nichts aus, du fühlst dich vorbereitet, wirst das Leben schon meistern, solange du Luft zum Atmen hast und das Denken deine Sprache steuert?

Du willst weg, obwohl du doch gleich hier bleiben könntest?

Na schön, dann zieh dich warm an und lass dich nicht verführen von den beiden Lustverpackungen in deinen Armen, steig nicht mit dem schnöden Mammon ins Bett und mach´s mit. Und aufgepasst bei all inclusive, wenn das Angebot die Qualität aufgefressen hat und dir seine Kotze zum Fraß auf den Teller speit. Du bist doch nicht blöd, du kennst den Preis. Leistung muss sich wieder lohnen. Nur hinein damit, schmeißt Kaviar unters Volk, damit der Pöbel ausrutscht.

Du bist toll!

Sei du selbst, schreiben dir die Lehrer hinter die Ohren. Lerne für dich, beachte die Regeln, wozu sind sie sonst aufgestellt, trichtern sie dir ein. Und sprich ihnen nach: Ich glaube an das Wissen und die Vielfalt der Kopie, an das Gute in der Wissenschaft und an die Freiheit der Lehre und des Menschen und an den Bestand des Notwendigen vor der Wahrheit – so wahr mir jemand dabei hilft.

Sprich nach: Ich allein bin meine einzige Versuchung. Was soll nur aus mir werden?

Etwas Nachhaltiges, nur kein Stein, der sich nicht selbst ins Rollen bringen kann.

Oder?

Zu Erinnerung....

Peter Bieri sagt:

Unsere Idee der Welt ist die Idee einer verständlichen Welt. Es ist die Idee einer Welt, in der wir verstehen können, warum etwas geschieht. Zwar gibt es darin vieles, was wir nicht verstehen, und vermutlich wird das immer so bleiben. Trotzdem, denken wir, ist die Welt eine Gesamtheit von Phänomenen, in die wir Licht bringen können, indem wir uns erklären, warum die Phänomene so sind, wie sie sind. Selbst wenn dieser Gedanke eine Täuschung wäre: Anders können wir über die Welt nicht denken.“

(Peter Bieri „Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens“)

Jemand bemerkt:

Ich irre mich, also bin ich!“

Jemand fragt:

Was?“

(2014)

 

 

 

 

 

Faust-MASTERpiece oder Die Flasche ist leer

 

Ein Raum – dunstig, fast schwarz, jedenfalls dunkel und nicht hell im Moment. Irgendwo hängt Tom herum. Wahrscheinlich kratzt er seinen Rücken gerade an einer rauen Wand. Und er hat dieses Megaphon dabei, sein Sprachrohr zum MASTER. Er braucht es gegen das Himmel-Hölle-Grummeln. 

(...)

„Sprich mit mir!“ schreit er dann durchs Megaphon, „ich bin dein gefallener Engel, dein Erdauge, der Zyklop deines Geistes."

Aber der MASTER spricht nicht zu ihm und auch nicht mit ihm. Nicht mehr.

Tom-hang-down-your-head ist ausgebrannt. In seinem Kopf dröhnen die Engelschöre, ein teuflisches Halleluja. Tom dreht ab, trudelt, röhrt, durchschneidet die Luft, er kriecht in sich selbst und durchfetzt sein Inneres, stürzt wieder hervor und landet auf dem Rücken. Ein Kafka-Käfer. Kaspar Hauser. Schlafes Bruder, die Seele im Innersten der Erde.

„MASTER!“ Das ist nur noch ein schwachesRufen. Ein letztes. Und dann wird es still. 

Tom richtet sich auf. Er kniet nieder, das Megaphon mit beiden Händen umklammert und vor seinen Mund gehalten.

„MASTER! Lass noch einmal die Blitze schlagen, die Donner rollen, spuck Feuer über die Kugel, mach was, lass was wachsen, gib uns Leben, ich will Prometheus sein und du gibst mir was hinter die Ohren, du strafst mich und lässt mich nicht mitfeiern, aber Luke darf es, so wie früher, und es geht mächtig was ab, cool, der ist ganz cool und spannt dir deine Kleine aus, deine Rippen-Madonna. Du spuckst Schlangengift und landest eine schnelle Gerade, unmenschlich schnell auf Lukes Nase, der taumelt, die Kleine schreit und Luke wirfst du aus dem Tor. Luke geht ab nach unten.
Schlecht gelaufen, Luke. Verdammt schlecht gelaufen! Das rufst du ihm noch hinterher und deine Engel hallelujaen: Genau!
Auf jeden Fall! Heaven and Hell! The Glory Train has passed!“

Tom rennt ...

Und plötzlich Stille.

Irgendjemand leuchtet schwach in den Raum.
Die Lichtblase wabert über den Boden. Ganz weit oben, Lichtjahre entfernt, öffnet sich eine Tür und seichtes Licht fällt auf eine kriechende Gestalt hinter der Lichtblase. Das ist Luke. Luke ist aus dem Himmel gefallen und am Arsch der Welt gelandet. Der Raum füllt sich mit Normwesen, das sind Menschenpuppen, Marionetten, Schablonen. Sie sprechen eine Sprache mit immer denselben Worten.

Und mitten drin: Luke.

Und oben auf mal wieder: Der MASTER.

Der MASTER lacht Luke aus. Luke rappelt sich hoch, der Master lässt die Menschenpuppen tanzen, Luke geht dazwischen: You can´t keep a good man down.

Luke will leben. Luke will Luke sein. Und er will zurück zum MASTER. 

„Hey, MASTER, lass mich rein. Was soll ich hier. Guck dir das an. Nulachtfuffzehn. Hosenscheißer, Furzhocker, Gummiseelen.
Willst du die? Willst du das? Ist das deine Welt? Hey, MASTER, wir haben uns doch immer gut verstanden. Schmeiß mir den Schlüssel runter, gib mir eine Strickleiter oder lass einen Engel vorbeifliegen, ich krall mich fest und komm zurück. Ich schaff das!“

Aber der MASTER lacht nur. Großer Imperator, Welterfinder, Himmelsstratege, Erdenfluter.

Peng! Blitze und Donner, Stürme, alles wird weggefegt, aber Luke widersteht dem Sturm (in seiner kleinsten Größe). Der Sturm schwächt ab, der Raum beginnt zu klingen, der MASTER erscheint. Ein konspiratives Treffen, die Bodyguards halten sich unauffällig im Hintergrund.

Luke ist baff. ...
Luke und der MASTER wieder zusammen. Aber hier?

„Hast du dich verlaufen oder willst du mich endlich holen?“

„Ich sag´s dir, aber verrat mich nicht. Ich habe mir eine Palette Prosecco geholt. Kennst du das Zeug. Das ist, als ob einem ein Englein über die Zunge seiht. Verstehst du?“ 

„Du meinst Oral…?“

„…Ich meine Prosecco! Wir tarnen es als Himmelsmanna. Von Zeit zu Zeit trink ich den Prosecco gern!“

„Du?“

„Ich!“

Der MASTER schnippst mit dem Finger. Eine Magnumflasche Prosecco schwebt von oben heran.

„Bring das Zeug unter die Leute. Wenn´s alle ist, kannst du wieder nach oben kommen!“

„Kann man das trinken?“ fragt Luke. 

„Klar!“ sagt der Master und öffnet die Flasche. Ein lauter Knall, urknallig laut. Und auch wieder ein bisschen Himmel-Hölle-Grummeln. Luke riecht nur dran und ekelt sich. Das soll er unter die Leute bringen? Der spinnt doch, der MASTER.

Aber der MASTER lacht nur und schwebt davon, die Engel singen schon wieder Halleluja und die Stürme und Blitze und Donner, all das ganze Tosen und Wirbeln. Da brennt einem doch die Sicherung durch und Luke glaubt nicht, was er in diesem Wechsel von Licht, Schatten, Ton, Steine und Scherben sieht, als es plötzlich ruhig ist, aber auch so was von ruhig, endlos ruhig und ewig still.

Da stehen Marionettenpuppen und .... die bewegen sich. Die bewegen sich  alle gleich. Furzhocker! Und die sprechen, wie sie sich bewegen.

Luke guckt sie sich genau an und versteht die Welt nicht mehr. Da zeigt sich der MASTER oben an der Tür und lacht sich tot, was er eigentlich gar nicht kann. Aber der lacht echt so. Bless the children.

„Denk an den Prosecco!“ flüstert der MASTER herunter und ein Engel singt dazu „How great our Lord“ und Luke wird´s richtig warm ums Herz. Eigentlich ist der Alte ganz in Ordnung, denkt er sich. 

Was soll er denn nun mit diesem Prosecco machen? Erstmal schneidet er eine Marionette ab und fragt sie nach ihrem Namen.
Irre – die antworten alle mit einer Synchron-Biographie, Langeweile hoch drei, Scheiß-Spießer, die haben den Staub faustdick hinter den Ohren.

Alle heißen Faust, Heinrich Faust. Heinrich Faust, was ist denn das für ein Name? Ey Alter, so heißt doch keiner. Und die sehen auch noch so aus, wie sie heißen. F-a-u-s-t. Faust wie Furz, wie fade, wie faul, wie Faltenvorhang, wie Fasanenpastete, wie Fanfare, wie Frau – nee, auf keinen Fall wie Frau. Egal.

Luke klopft Faust auf die Schulter und bietet ihm einen Schluck Prosecco an. Da drehen die anderen ab und verschwinden, quatschen dabei was von Arbeit und Pflicht und Sünde und Verführung und Leben und Treue und Lebensversicherung und der Mensch muss mindestens zwei Liter Wasser am Tag trinken. Die spinnen doch.

Luke kann gerade noch Faust zurückhalten. Der war drauf und dran, mit denen mitzugehen. Luke will ihm jetzt erst einmal die Welt zeigen. Dem MASTER lässt er zukommen, er solle mal ein paar Leute vorbeischicken, bevor er sich dann prosecco-selig zum Mittagsschlaf legt. Hätte Luke gar nicht sagen müssen, der MASTER hat das schon alles organisiert, der ist fit wie Zeus.
Jetzt läuft die Weltenshow ab. Luke zieht Faust mit, das ist vielleicht ein Heini, der kennt ja gar nichts und niemand. Hier sind sie doch alle, Mensch Faust, guckst du kein Fernsehen, hier: die Harten, die durchs Leben kommen, Fanatiker, Rennfahrer, Banker, Soldaten, Dealer, Thomas Gottschalk, den hat der MASTER sich aus dem Nacken gepult, Sänger, Stripper, best little girl and northern boy und und und.

Das hat gewirkt. Faust kann sich gar nicht satt gucken. Und auf einmal will der Prosecco trinken.

Halt – so nicht! Erst muss er es Luke schriftlich geben, dass er für ihn bis in die Ewigkeit Prosecco trinkt und verkauft, der MASTER liefert den Nachschub und verdient sich ne goldene Nase dran. Klar! Und Faust unterschreibt blind. Das ist eine richtige Unterschriftenorgie mit Proseccotrinken. Der Vertrag ist gemacht. Und jetzt kommt das Größte. Faust glotzt auf die Kleine dahinten, die in der Ecke auf ihrem Schaukelpferd sitzt. Das wär´s natürlich: Faust macht die Kleine an und legt sie flach, gründet eine Familie, baut ein Haus und schließt eine Lebensversicherung ab.

Quatsch. Luke ohrfeigt sich selbst bei dieser Vorstellung. Jetzt könnte er einen Schluck gebrauchen. Aber das Zeug ist zu eklig.

Da stellt Faust sich der Kleinen vor.
"Gestatten, Faust! Kann ich Ihnen behilflich sein. Brauchen Sie eine Lebensversicherung?"

Luke glaubt´s nicht. Gott sei Dank (wer sagt das?), die Kleine ist nicht blöd und fällt doch nicht auf diesen Heini rein. Sie zieht mit ihrem Schaukelpferd davon. Faust hat eine Beule in der Hose und heult und Luke tröstet ihn.

„Nimm noch´n Schluck!“ Faust setzt die Flasche an und trinkt die fast auf ex aus. Das hilft, Faust faselt was von der Kleinen, Süßholzgeraspel, Pubertandengeplapper, Schmetterlinge im Bauch oder so ähnlich. Liebesfarbenrausch, Seargent Pepper´s Lonely Hearts Club Band. Womm. 

Luke macht ihm klar, dass Faust es galanter, romantischer machen muss, er macht ihm Mut und wischt ihm die Tränen ab, kämmt ihm das Haar, faltet ihm das Taschentuch, kontrolliert Ohren und Fingernägel und knöpft ihm das Hemd auf, parfümiert ihn, also er macht aus ihm einen richtigen Dandy, einen Hingucker, er biegt ihn auf geile Erscheinung, prettiest man alive, Chase Crawford.

Und dann kommt die Kleine. Und Faust springt voll drauf an – aber Reinfall, schlecht gelaufen, verdammt schlecht gelaufen. Der hält ihr die Flasche hin, fragt, ob er sie tragen dürfe oder ob sie Hoppe-hoppe-Reiter spielen wolle. Die Kleine flüchtet, Faust heult schon wieder.

Luke bricht zusammen. „Hey, MASTER, der begreift´s nicht.“

Der MASTER lacht, er wird gerade massiert von so einem süßen Engel. Relax, enjoy yourself – take it easy. Don´t worry.

Der MASTER schnippst wieder mit dem Finger und Lakaie erscheinen mit Tabletts voller Gläser gefüllt mit Prosecco Der Raum verwandelt sich, Cupido-Säulen um einen rot gefluteten Tanz-Pool. Frau Emm, eine Dame der Gesellschaft, begrüßt die Gäste zum Debütantinnenball. Unter ihnen ist auch die Kleine. Erst die Pflicht, Debütantinnentanz, Luke schmuggelt Faust in die Defilierreihe. Faust tanzt mit der Kleinen, Luke nimmt sich Frau Emm, der MASTER bekommt von seinen Engeln Prosecco serviert. Eine himmlische Atmosphäre, enge Tänze. Man tanzt und tanzt und man tanzt hinaus, übrig bleiben nur Luke und Frau Emm und Faust und die Kleine. Luke erzählt Frau Emm einige Witze, nicht ganz saubere, eher schlüpfrige. Faust schenkt der Kleinen fünf Gläser ein. Sie trinkt das erste – er liebt mich. Sie trinkt das zweite – er liebt mich nicht…sie trinkt das fünfte – er liebt mich!

Das ist die Chance, der Himmel öffnet sich, Sausen und Brausen, Faust und die Kleine zwischen die Cupido-Säulen, der Raum wird mit Vorhängen zugezogen, Musik, Bewegung, Raumfülle. Dann: Stille. 

Tom kommt mit seinem Megaphon. Er erzählt etwas von Umleitungen und Straßensperren, Unwetterwarnungen . Eile entsteht.
Von oben kommt eine neue Magnumflasche Prosecco, die Vorhänge fallen, Faust tritt hervor, die Kleine steht dahinter. Sie ist schwanger. F-a-u-s-t!!!

Faust sieht Tom. „Ich muss weg. Ich muss wieder in den Handel kommen! Ich muss sehen, was los ist, was abgeht, wie´s geht!“

Tom zeigt auf einen Weg im Hintergrund. Die Kleine bleibt allein zurück mit einem Glas Prosecco in der Hand (Er liebt mich nicht). Von oben kommt eine Leiter, Luke klettert hinauf, als er oben ankommt fällt die Tür ins Schloss.

Tom singt ein letztes Lied durchs Megaphon.

Scheiße. Himmel, verdammter.

(2010 / Der Text enthält Auslassungen)

 

 

 

 

Lyrische Texte
 

 
Die Stille teilen

Die Stille teilen
das ist ein Wunsch
die Stille teilen
mit dir

Aber ertragen
muss ich sie
alleine
die Stille

Die Stille teilen
das ist ein Traum
die Stille teilen
morgen
schon mit dir

Aber Geduld
schreit mich an
ohne dich
lärmt stillste Stille

Die Stille teilen
das ist deine Nähe
Satz ohne Worte
Gedanke ohne Ziel
Leben ohne Ende

(6/1997)
 

Bewegung

Schweigen
auf Weiß -:
erste Linie
mächtig:
führt Kopf die Hand
Herz
tastend und in Gedanken
die Hand

niemals ein Ende
niemals ein Punkt
immer Bewegung
immer die Linie

Leben

gebrochen gebeugt erhaben gradaus

Herz

in Schwüngen rhythmisch voran

Kopf Hand Auge Sinn

Kopf Hand Auge Sinn
Auge Hand Kopf
Sinn Kopf
Hand

führt Hand den Kopf

(1989)

 

 

 

Durch die Platanen
streicht der Wind
und über mein Haar
wie früher
manchmal
auch mein Vater.
Aber wir hatten keine  Platanen. Trotzdem
war es schön,
so wie es heute ist,
wenn der Wind
durch die Platanen
weht.
Nur das Haar
wird weniger
(Sault/Provence, 28.Juni 01)

 

 

Abends kläffen die Hunde
erwacht vom verschlafenen Tag
angekettet an ihr Hundeleben

Autos heulen über die Straßen
Straßenrandunrat klatscht Beifall
hirngeleertem Sausen

Durch das Dunkel
fortwährend ohrenbetäubend
das Geklirr von stinkendem Lärm

Und die Stille fallend
erdrückt von ihren Totengräbern
hört sie zu atmen auf

Was soll sie auch machen ?
(2.7.2005, Cabêda)

 

Nur sein

das würde schon reichen.
Aber
immer ist man: -
irgendwer
irgendwo
irgendwann
und - ach -
irgendwie.

Bin ich nicht der 
oder doch zumindest 
hier wenn nicht dort 
aber nicht dann 
oder doch  - 
Ich bin ich bin ich.
Bestenfalls.

(7/2007)

 

 

dieses Stimmengewirr
immer lauter als erträglich
klüger als klug
Ruhe und Schweigen werden
lauthals vernichtet
nie ein Rückzug ins Ich
Ruhe
vielleicht manchmal
nur welche Ruhe
ist das die nichts sagt
und
sich totschweigt…?

(7/2007)

 

 



Wieviele Worte
hat das Schweigen?
-
Sag´ jetzt nichts!
(11/2009) 

 

 

ich bin hier
und hier bin ich
in der fremde
ein anderer fremd
den anderen und dem andern
ohne worte stumm

mit offenen augen
mit offenen ohren
mit offenen händen
mit offenem herzen

sorglos

ein fremder unter vielen
wie viele unter fremden
das andere ist das gemeinsame
gemeinsam anders sein
wege durch menschen
zu menschen

(Kalisz 3/2009)

 

 

Da habt ihr es

In mir brennt ein loderndes Feuer

Züngelndes Licht meiner Seele

Flammenwurf meiner Gefühle

Pulsschlag meiner Gedanken

Es sprudelt heraus

Fackelt in das Leben

Und gerinnt wie Lavastein

Auf meiner Haut

 

Einen noch warmen Stein nimmt jemand

Und wirft ihn fort

Den Stein

Achtlos

 

Ich laufe

Im Flug noch

Fange ich ihn

 

Dies ist mein Stein

Die rettende Wärme noch in sich

 

In mein Inneres

Lasse ich ihn gleiten

Das andere

Lose Gestein schüttel ich von meiner Haut -

 

Da habt ihr es













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© Norbert Döding